de Düre off, wenn es KLINGelt ...

– rief sie mir zu, als sie mich besuchte. Und da sie so einen schönen Namen hat, beginne ich damit.
Über die Aphoristikerin, Lyrikerin, Romanautorin, Songtexterin, Lektorin - eine Frau,
die »im Geiste gefräßig« bleibt
von ELKE MEYER/Dresden:
Wenn man sich mit ihr trifft, sollte man keine «feine Dame» erwarten, die mit gespitztem Mund in lyrischen Metaphern die Welt beschreibt. Keine, die romantisch verklärt in ihrer eigenen Welt lebt, sich erhaben über andere stellt. Während wir zu meinem Lieblingscafé ums Eck gehen, denke ich: Das passt zu dem, was ich von ihr las: «Arroganz ist die Missgeburt der Bescheidenheit».
Die 1967 bei Dresden geborene Autorin und Lektorin sagt: «Mit der Kunst versuche ich, mich der Wahrheit zu nähern» und sogleich zieht sie Schlüsse: «Wenn dir jemand glauben soll, überzeuge ihn nicht von der Wahrheit.»
https://aphorismen-archiv.de/K6717.html
2022 ist sie zurück nach Dresden, in ihre Heimat, gezogen und wohnt im Süden der Stadt. «Bist du froh, wieder hier zu sein?», frage ich sie. «Ja, durchaus. Es war Zeit, einer nicht nur räumlichen – auch gewissen, teilweise erschreckenden mentalen und geistigen - Enge zu entkommen.» Ich weiß, was sie meint. Das auszubauen, würde meinen Rahmen sprengen. Lieber schreibe ich über sie. «Die Kling» - so darf ich sie nennen.
Wer ihr genau zuhört, weiß: Sie geht tief. In ihrem sarkastisch-animalischen Text «Schweinerei» wird es schon in der ersten Verse tierisch menschlich. Diese Frau sollte man erleben, wenn sie von todernsten Themen zum «klugen Mäuserich» schwenkt, eigene Schwächen gehörig auf die Schippe nimmt oder zu Antikriegsthemen taumelt, die bei Veranstaltungen die Gäste verstummen lassen. «Symptome» und «Das Kleid» sind zwei ihre berührendsten Texte.
Klings Stimme geht unter die Haut, und ganz gleich, welchen Ton sie anschlägt: Wenn sie mit ihrer Blues-Stimme zu singen beginnt: z. B. von ihrer Deutschlehrerin, die sie noch immer verehrt, und von John Lennon, um zu resümieren, dass ihr die Kinderschuhe nicht mehr passen, wissen alle: Nicht perfekt sein ist genial. Und das, obwohl der Slogan ihrer kleinen Firma das Gegenteil behauptet: Profis sind Perfektionisten. Na und? Sie erlaubt es sich. Schwächen. Einfach so.
Seit einiger Zeit gibt es keine Auftritte mehr. Nicht nur die Pandemie, auch private und gesundheitliche Umstände führten dazu. Kling fügt hinzu: «Mein Herz fühlte sich an, als stürzte es über eine Straße mit unterschiedlich großen Steinen und fiele dabei immer wieder hin.» - Kein Pathos, aber metaphorisch für jeden so beschrieben, dass es verständlich ist. Sie hofft diesbezüglich auf ein gutes kommendes Jahr, nachdem sie sich einer «hübschen kleinen Herz-OP» unterziehen musste. «Die ham mich z. B. auf einen eiskalten Tisch gelegt, tot gemacht und dann wieder zurückgeholt», tönt sie und lacht. Ich sperre dabei den Mund auf und kann es nicht fassen, was ich höre. Es passiert ja nicht jeden Tag, dass einer so darüber spricht. Sie hätte sich «schon längst abgewöhnt, zu überlegen, was dem anderen gefällt». Sie wäre zu alt, um sich aufzuführen wie eine nach Liebe schreiende Pubertierende. Sie schielt zu mir mit rollenden Augen. Huch! Ich sehe: Sie hofft, dass ich lache. Und das tu ich. Wenn auch nicht aus reiner Freude.
Nun zurück: Es ist also ihr Rückzug. Ein Abnabeln von der Schnur der Überflieger-Gesellschaft.
«Fühlst du dich isoliert?», will ich erfahren. «In guter Einsamkeit lerne ich mehr über mich als in böser Gesellschaft» zitiert sie einen Aphorismus (ausnahmsweise in der Ich-Form), der in ihrem Buch «Kurz Gesagtes hält sich länger» - Aphorismen und Lebenssprüche im Dezember 2023 beim Apollon Tempel Verlag erschienen ist. So viel des täglich wahrhaftigen Wahnsinns fand ich in diesem Buch, dass ich Tage brauchte, es zu verdauen. Erinnere mich an: «Ein Leben nach dem Tod - wer soll das ertragen?!» Puh! Das ist hart und ich spreche sie darauf an. «Was'n, willst du erleben, was noch hier abgeht?», schmettert sie mir auf Hochsächsisch entgegen. Na ja, das ist nur eine Interpretation des Spruches, denke ich ...
Ob sie noch Romane schreibe, frage ich sie. «Dazu fehlen mir momentan Zeit und Kraft. Um Romane zu schreiben, braucht es beides. Lieber lektoriere und korrigiere ich die Romanmanuskripte der Fleißbienen und -hummeln. Ich selbst backe im Moment knusprige und appetitliche kleine Semmeln, nicht wahr? Aber vielleicht gelingt es mir eines Tages wieder – alles ist möglich», sagt sie und ich glaube, etwas Wehmut aus ihren Worten zu hören.
Ich hatte bis 2020 einige ihrer Veranstaltungen besucht. Zuschauer/-hörer bekamen das Gefühl, Sylvia Kling hätte jede einzelne Tiefe sämtlicher Gäste durchlebt. Sie vermittelt damit jene Wärme und Empathie, die so manch einen in dieser schnelllebigen Zeit erreicht. Gesellschaftliche Missstände greift sie ohne belehrenden Zeigefinger auf. «Krieg hat noch nie Frieden gebracht» - habe ich von ihr gelesen und denke an ihre Texte und Songs zu diesem Thema. Darauf spreche ich sie an. Sylvia Kling sieht mich stirnrunzelnd an. «Was soll das alles? Wir leben in einer Borderline-Gesellschaft. Schwarz-weiß ist das neue Bunt». Sie meint es ernst. Ich verstumme in Anbetracht ihres Sarkasmus.
Kurzum: Es ist egal, ob sie alle Töne haargenau trifft: Es KLINGt bei den Gästen bis in die kleinen Zehen nach. Mit geradezu komödiantischem Geschick, dem sich niemand entziehen kann, wirft sie treffsicher Verbalkanonen in die Menge.
Wir reden miteinander über dies und das, auch über ihre Intentionen. Sie spricht so schnoddrig, dass ich mir vor Lachen den Bauch halten muss. Ohne spürbaren Übergang greift sie Themen auf, die jegliche Oberfläche aufkratzen muss. Sie philosophiert über Gott und die Welt und erklärt mir, warum sie den humanistischen Werten, die sie viele Jahre prägten, inzwischen nicht mehr zu folgen vermag. Dabei wird sie nicht ansatzweise «DDR-nostalgisch» - wie viele in ihrem Alter und Umfeld. Darauf spreche ich sie an. «Hör mir auf mit diesem Mist», ruft sie aus. «Wir sehnten uns den Westen herbei, weil wir dachten, uns fliegen die gebratenen Tauben in den Mund. Das ist nicht eingetreten. Wir haben Dresden jahrelang zur Zielscheibe von frustrierten Dummschwätzern - und uns vor aller Welt zum Affen - gemacht! Jetzt haben wir äußere Freiheit. Die Freiheit des Denkens wird nicht genutzt.»
Ihre Lesungen anlässlich des Literaturfestes Meißen waren gut besucht. Gäste standen vor und neben dem Raum, in dem sie las. Als sie 2020 mit sächsischem Dialekt rezitierte, sah man einen Nichtsachsen vor Lachen vom Stuhl fallen. Unvergessliche Momente.
Und dann noch das: Die Unfähigkeit in «sozialen» Medien, würde- und respektvoll miteinander in Kontakt zu treten und entsprechende Diskurse zu führen, sei lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Dies fängt bereits im Kleinen an: in der Familie, im Freundeskreis, im Discounter und überall. Es gebe keine Debatten mehr auf Augenhöhe. Schnell wird die Klinge gezückt.
Jene kleinen Kriege, die zu einem großen führen.
Puh! Und dann schmettert sie, die Brille völlig schief im Haar sitzend:
Die Leute haben so mit sich zu tun, dass sie vergessen, sich für essenzielle Werte einzusetzen – z. B. für das Fundamentalste: den Frieden. Die Friedenskämpfer seien beinahe ausgestorben. Jede Woche würde eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Jede Sau, die die Jagd ohne Todesschuss überstanden hätte, würde im besten Falle im Nachhinein eine rosa Schleife umgebunden bekommen. Borderline-Gesellschaft eben. So spricht sie vor sich hin. Bevor ich mich versehe, klopft sie mir kräftig wie ein Kerl auf die Schulter und ruft: «Jetzt brauch isch abor ä Schälchen Heeßes, 's hält do sonst keener aus!»
«Das Einzige, was vom Idealismus bleibt, ist Leben» - erinnere ich mich an einen ihrer Aphorismen ... Dennoch entdecke ich keine Verbitterung bei der Endfünfzigerin, die mir ein Stück Eierschecke reicht und meint: «Wenn nüscht mehr geht, Eierschägge geht immer, nor?» Sie klopft sich auf die Hüften und ruft: «Wenigstens hier läuft noch alles rund!»
Ich hoffe, noch viel von ihr zu sehen und – sie auch wieder mal zu hören. 2025 steht sie nach längerer Zeit hoffentlich wieder auf der kleinen Bühne: MAN SOLL DAS WORT NICHT VOR DEM ABEND LOBEN - mit dem Aphoristiker Thomas Häntsch und der Musikerin SOULMAMA soll es zur Sache gehen. Trocken? Aber nein, es KlingT!
Ihre Elke Meyer aus Dresden/Die große Kunst der Kleinkunst
Sie können übrigens mehr über das Leben und die Hintergründe von Sylvia Kling in dem Buch Frauen und ihre Wege zu Glück und Erfolg von Elke Walter-Koch, Lebensart Verlag (Seite 100) lesen. Ausdrücklich soll ich darauf hinweisen, dass das Buch über viele beeindruckende starke Frauen und ihre Wege erzählt.